Pressemitteilungen

12.04.2017

Studenten der J.W.-Goethe-Universität Frankfurt/Fachbereich Erziehungswissenschaften und Studierende der Hebrew University/the Haruv-Institute zu Besuch in der Seminar- und Gedenkstätte Bertha-Pappenheim-Haus

Vlnr.: Bürgermeister Herbert Hunkel, Hamutal Ben-Arieh

Am Mittwoch, den 5. April 2017 besuchten zwei Studentengruppen der Erziehungswissenschaften die Seminar- und Gedenkstätte Bertha-Pappenheim-Haus, um sich über Leben und Werk Bertha Pappenheims zu informieren. Eine der Studentengruppen kam aus Israel, von der Hebrew Universitiy Jerusalem/the Haruv Institute unter der Leitung von Professor Asher Ben-Arieh, die zweite Gruppe kam von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität/Fachbereich Erziehungswissenschaften, Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung unter der Leitung von Professorin Sabine Andresen.

Das Haruv Institute ist Israels führendes Institut zur Erforschung von Kindesmisshandlung und der Vernachlässigung von Kindern, die Arbeitsschwerpunkte von Professorin Andresen an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität sind u. a. Forschungen zu sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend sowie Vulnerabilität (Verletzlichkeit, Verwundbarkeit) in der Kindheit.

Bevor die Leiterin der Seminar- und Gedenkstätte Bertha-Pappenheim-Haus, Gabriele Loepthien, über Bertha Pappenheim referierte, berichtete Hamutal Ben-Arieh, die Ehefrau von Professor Ben-Arieh, in bewegenden Worten, dass ihre Großmutter, ihr Vater und ihre Tante - Hedwig, Rudolf-Ruben und Paula Stern - in der Zeit von 1933 – 1938 mehrmals im Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg gelebt hatten. Nach dem Pogrom am 10. November 1938 brachte Hedwig Stern ihre beiden Kinder in ein Kinderheim nach Straßburg und floh selbst in die Niederlande. Sie wurde am 14. September 1943 vom Durchgangslager Westerbork aus in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Die letzte Nachricht über sie stammt aus dem Außenlager Malchow des Konzentrationslagers Ravensbrück, wo sie noch einen Tag vor der Befreiung, am 1. Mai 1945, ermordet wurde.

Rudolf-Ruben Stern, der Vater von Hamutal Ben-Arieh, wurde am 20. Juni 1935 in Wiesbaden geboren und im Alter von zwei Jahren von seiner Mutter Hedwig in die Obhut des Heims des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg gegeben, wo seine ältere Schwester Paula bereits seit 1933 betreut wurde. Beide Kinder lebten nach der Flucht in verschiedenen Kinderheimen und wurden nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutsche Wehrmacht versteckt gehalten. Rudolf-Ruben überlebte die Shoa in Frankreich und emigrierte 1947 als 12-Jähriger mit dem Schiff nach Palästina. Erst dort erfuhr er, dass er eine Schwester hat. Heute lebt er mit seiner Frau in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa.

Paula, Frau Ben-Ariehs Tante und Rudolf-Rubens Schwester, konnte nach einer Odyssee innerhalb Frankreichs mit Hilfe einer zionistischen Organisation am 14. November 1944 nach Palästina fliehen. Sie war 11 Jahre alt und wusste nichts über ihre Herkunft. Erst 1961 konnte sie ihre Identität über eine Suchanzeige in der Zeitung „Aufbau“ erhellen. Heute lebt sie in Israel in der Nähe von Haifa. (Quelle: gedenkbuch.neu-isenburg.de)

Nach dieser Darstellung von Hamutal Ben-Arieh, die den jungen Menschen einen intensiven emotionalen Zugang zum Ort der Seminar- und Gedenkstätte Bertha-Pappenheim-Haus und ihrer Geschichte vermittelte, informierte Gabriele Loepthien in einem Vortrag über Bertha Pappenheim, ihr Leben, ihren Kampf um die Verbesserung der Frauenrechte und ihren Beitrag zur Entwicklung der sozialen Arbeit. Wie sehr die Ausführungen die Anwesenden angesprochen hatten, zeigte das abschließende lebhafte Gespräch über die Arbeit und das Lebenswerk Bertha Pappenheims. Eine israelische Studentin entschied sich spontan, ihre Masterarbeit über sie zu schreiben.

Bürgermeister Herbert Hunkel bedankte sich herzlich bei den Studentengruppen und deren Professorin und Professor für ihren Besuch.

Besonders würdigte er die Ausführungen und die Anwesenheit von Hamutal Ben-Arieh als einer Nachfahrin von ehemaligen Zöglingen des Heims des Jüdischen Frauenbunds. Er lud sie spontan ein, sich in das Goldene Buch der Stadt Neu-Isenburg einzutragen, eine Bitte, der sie gerne nachkam.