Pressemitteilungen

06.12.2017

Von der Hugenottensiedlung zur modernen Stadt

Das Neu-Isenburger Geschichtsbuch in der 2. Auflage

Am 3. November 2016 stellte der Verein für Geschichte. Heimatpflege und Kultur Neu-Isenburg (GHK) e.V. das Neu-Isenburger Geschichtsbuch vor. Die ganze Geschichte der Stadt in einem Band. Von der Neu-Isenburger Historikern Dr. Heidi Fogel kompetent und kurzweilig geschrieben, von der Fachwelt übereinstimmend hoch gelobt und anerkannt und von den Leserinnen und Lesern stark nachgefragt.

 

Dies ist die Bilanz nach 1 Jahr Neu-Isenburger Geschichtsbuch. Der Titel beschreibt einen hohen Anspruch, der im besten Sinne erfüllt wurde, so die Bilanz des Herausgebers GHK Neu-Isenburg.

Die Nachfrage ist so groß, dass bereits nach einem Jahr die Auflage von 800 Exemplaren vergriffen war.

 

Wir sind froh und dankbar, dass wir heute die 2. Auflage präsentieren können. Ein besonderer Dank an die Förderer und Mitglieder des GHK, die die Finanzierung durch Spenden ermöglicht haben. Besonderer Dank gilt Frau Dr. Heidi Fogel für die gelungene Darstellung der Neu-Isenburger Stadtgeschichte in einem Band: auf gut 300 Seiten kurzweilig geschrieben und mit 250 Bildern illustriert. Das Ergebnis umfassender und ausgezeichneter Recherchen.


Ganz herzlicher Dank auch an das fortschrittliche Familienunternehmen Walter und Andreas Thiele und den Neu-Isenburger Kulturpreisträger Uwe Gillig für die qualitätsvolle Vorbereitung, Gestaltung und Herstellung des Buches.

 

Das Neu-Isenburger Geschichtsbuch ist zum Preis von 34,50 € ab 11. Dezember 2017 in allen Buchhandlungen erhältlich.

 

Buchbesprechung:

Heidi Fogel:  Neu-Isenburger Geschichtsbuch. Von der Hugenottensiedlung zur modernen Stadt.
Hrsg. vom Verein für Geschichte, Heimatpflege und Kultur Neu-Isenburg (GHK) e.V. Neu-Isenburg: edition momos (2016).  311  S., zahlr. Abbildungen.

 

Im Vergleich mit den meisten der im siedlungsgünstigen Umland früh entstandenen Orte ist Neu-Isenburg eine sehr junge Kommune, die sich aber schon durch die Umstände ihrer Gründung 1699 als Asyl französischsprachiger Flüchtlinge, mit der eigenartigen Gestalt des „Alten Orts“ als geplanter Anlage, heraushebt. Gerade die Frühzeit, aber auch andere Phasen der historischen Entwicklung, von der aus der Not geborenen Hüttenkolonie bis zur prosperierenden Stadt unserer Tage, haben bereits eine Würdigung gefunden, oft mit Unterstützung des Magistrats. Nun aber liegt eine Gesamtdarstellung der bewegten Vergangenheit bis in die Gegenwart vor, wobei sich hinter dem schlichten Titel eines „Geschichtsbuchs“ ein großer Wurf verbirgt. Die Historikerin Dr. Heidi Fogel, die seit langem in der Stadt lebt und ihr in kritischer Empathie verbunden ist, hat sich seit ihrer Promotion 1990 über den Nationalsozialismus im südlichen Frankfurter Umland immer wieder mit einzelnen Etappen der Geschichte Neu-Isenburgs und der engeren Region intensiv beschäftigt, so zählte sie auch zu den Herausgebern der opulenten Festschrift zum Gründungsjubiläum 1999.

 Ihr neues Werk ist aber nicht etwa eine lose Abfolge schon bekannter Fakten, es besticht durch die konsequente, quellenkritische neue Aufarbeitung, die den Fokus auf die jeweiligen menschlichen Akteure legt. Denn es kommt der Autorin besonders darauf an, den in ihrer Zeit handelnden oder auch leidenden Personen  Gesicht und Stimme zu geben und ihre Lebensumstände in der Gemeinschaft offenzulegen. Das Buch zeigt einen klaren Aufbau mit zwölf nach Zeitabschnitten gegliederten Kapiteln,  jeweils mit eigenem Anmerkungsapparat. Zusätzlich werden einzelne Persönlichkeiten in farblich abgesetzten Kästen  gewürdigt, von dem Reformator Jean Calvin bis zu dem Astronauten Thomas Reiter. In ähnlicher Form sind nähere Informationen beigegeben und einzelne Exkurse eingefügt, zum Beispiel zu den Straßenverbindungen, zur „Gehespitz“ mit ihren Gewerben, dem Stadtbad oder auch zu besonderen Ereignissen. Dass nicht alle Epochen gleichwertig behandelt werden, hängt mit der Quellenlage zusammen, die vor allem für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts unbefriedigend  ist. Spannend wird es dann aber mit der für Neu-Isenburg prägenden Epoche der Industrialisierung. Dazu gehören der Anschluss an das Eisenbahnnetz und die Verbindung durch die „Waldbahn“ mit Frankfurt, der Wandel vom Handwerkerdorf zur Arbeiterwohngemeinde, aber auch der Aufbau einer eigenen Industriestruktur aus einer Vielzahl kleinerer Betriebe, in denen die Hasenhaarschneider, ein für die Beschäftigten keineswegs ungefährliches Gewerbe, einen Farbtupfer bilden. Ins Bild gehören auch die Großmetzgereien und die Vielzahl von Wäschereien, beides ohne die Nähe von Frankfurt nicht denkbar. Das gilt auch für die parallel erfolgende Entwicklung zum beliebten Erholungsort für die Großstädter mit einer entsprechenden Gastronomie.

Dabei wird die materielle Seite nachdrücklich betont, etwa der nötige Ausbau der Energieträger Wasser und Strom, mit allen Problemen wie bei der Abwasserbeseitigung. Vor allem wird auch die soziale Seite eindringlich in den Blick genommen, so die Aktivitäten der Arbeiterbewegung mit einer Vielzahl von Vereinen, vor allem der Streik der Wäscherinnen 1897, die mit dem „Mut der Verzweiflung“ schließlich Forderungen erstreiten konnten. In diese Epoche fällt auch die Erhebung zur großherzoglich-hessischen Stadt 1894, die nüchtern gesehen wird, als eher symbolischer Akt, zunächst ohne größere Folgen. Bereits in der Einleitung betont die „gelernte Historikerin“ Dr. Fogel ausdrücklich ihr Anliegen, das kleinere Geschehen vor den Hintergründen – und Abgründen – der jeweiligen Zeit zu sehen. Diese Einbettung in das Gesamtbild der Epochen ist ihr, in der gebotenen Kürze, doch mit wissenschaftlicher Präzision, gut gelungen.

Die inhaltliche Fülle der folgenden Teile des Buchs kann hier nur angedeutet werden. Eingeschaltet ist ein eigenes Kapitel über Bertha Pappenheim und ihr Haus des jüdischen Frauenbundes, die Erinnerung daran war der Stadt Neu-Isenburg und der Autorin immer ein besonderes Anliegen. Die Not an der „Heimatfront“ im Ersten Weltkrieg wird geschildert, mit der schweren Explosion in einer Behelfsfabrik für Granatenzünder, bei dem 58 junge Frauen ums Leben kamen, dann die Jahre der „ungeliebten Republik von Weimar“, als auf Krisen (mit einer Arbeitslosigkeit von 52 %) und Inflation doch ein bemerkenswertes Baugeschehen folgte, mit der Siedlung Buchenbusch, dem Waldschwimmbad und anderen Beispielen. Das Ende der Republik mit der Herrschaft der Straße , die zwölf Jahre des Nazi-Regimes mit Gleichschaltung und Anpassung im Alltag, aber auch dem Entstehen kleiner Widerstandszellen, werden in den Blick genommen, Opfer und Täter angesprochen, wie auch bei der eindringlichen Schilderung des Schicksals der jüdischen Gemeinde. Nach den erheblichen Zerstörungen am Ende des Krieges gelang auch in Neu-Isenburg der rasche Wiederaufbau, begleitet vom politischen Neubeginn, wobei die Überwindung der immensen Schwierigkeiten, wie bei der Integration der Vertriebenen, heute kaum noch glaublich erscheint.

 Eine der Stärken des Buchs aber bildet die Weiterführung der Handlungsstränge in die Gegenwart, mit einer Fülle neuer kommunaler Aufgaben und dem ständigen gesellschaftlichen Wandel.  Dabei wird deutlich, wie schnell Gegenwart zu Geschichte wird. Höchst aufschlussreich erscheint mir etwa die gründliche Darstellung der beiden Stadtteile Zeppelinheim und Gravenbruch mit ihrer höchst individuellen Entstehungs- und Erfolgsgeschichte. Und auch bei der jüngsten, miterlebten Epoche legt die Autorin größten Wert auf die Vermeidung einseitiger Urteile, vielmehr will sie das Für und Wider im Streit der Interessen und überhaupt die Bedeutung der demokratischen Debatte auch auf kommunaler Ebene aufzeigen. Immer stärker spielte dabei das  konkurrierende Interessengeflecht und Mächtespiel der Großregion, vor allem um den „Nachbarn Flughafen“,  mit hinein, gipfelnd im Konflikt um die Startbahn West und den Dauerstreit um Reduzierung des Fluglärms. Bei ihren „Perspektiven nach der Jahrtausendwende“ endet die Autorin mit einem durchaus positiven Ausblick auf das Entwicklungspotential der Stadt und die Chancen für die Kommune,  auf dem bereits begonnen Weg einer lokalen „Agenda 21“ nachhaltig und bürgernah, unter Ausgleich wirtschaftlicher und ökologischer Aspekte, weiterzugehen.

Selbstredend ist dem Buch ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis beigegeben, auch der Hinweis auf die zahlreichen Abbildungen, den flüssigen Stil und die gute Lesbarkeit sei nicht vergessen.  Insgesamt liegt hier ein Werk einer fundierten lokalen Geschichtsschreibung vor, das über die Grenzen der Stadt hinaus beispielhaft sein dürfte und dem man viele Leser wünscht.

Dr. Klaus-Peter Decker, ehem. Leiter der Fürstlichen Archive in Büdingen und Birstein.

 

Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, N.F., 75. Band 2017, Hessisches Staatsarchiv Darmstadt in Verbindung mit dem Historischen Verein für Hessen (Hrsg.), S. 471 f.

 

BUCHBESPRECHUNGEN UND HINWEISE

Peter Hildebrand (Red.), 1200 Jahre Mühlheim am Main. Unsere Stadt im Wandel der Zeiten (=Zur Geschichte der Stadt Mühlheim Bd. 27). Hgg. vom Magistrat der Stadt Mühlheim am Main und vom Geschichtsverein Mühlheim am Main e.V., Selbstverlag Mühlheim am Main 2015, 560 S., zahlr. Abb., geb. € 17,50.

Heidi Fogel, Neu-Isenburger Geschichtsbuch. Von der Hugenottensiedlung zur modernen Stadt. Hgg. vom Verein für Geschichte, Heimatpflege und Kultur Neu-Isenburg e.V., Edition momos Verlagsgesellschaft Neu-Isenburg 2016, 311 S., zahlr. Abb., geb. €34,50.

 

Zwei sehr unterschiedliche Städte im heutigen Landkreis Offenbach haben nun in den letzten beiden Jahren regionalhistorische Gesamtdarstellungen erhalten, die sich sehen lassen können. Der Mühlheim-Band, der aus Anlass der 1200-Jahrfeier entstanden ist und damit einen langen historischen Zeitraum umfasst, ist ein Gemeinschaftswerk von insgesamt 34 Autorinnen und Autoren; sie präsentieren ihre 20 Beiträge zwar in chronologischer Abfolge, wenden sich aber doch überwiegend einzelnen Problembereichen zu. Es liegt hier also keine Gesamtdarstellung vor, zumal auch die Stadtteile Dietesheim und Lämmerspiel ebenso wie die Partnerstädte berücksichtigt werden mussten. Das Neu-Isenburger Buch ist von einer einzigen Autorin geschrieben worden, die sich mit mehreren Monographien und Aufsätzen vor allem mit der jüngeren Geschichte der Stadt beschäftigt hat. Ihre Darstellung will sehr viel mehr als der Mühlheimer Band ein Gesamtbild entwickeln, auch wenn die Autorin in Exkursen und Kapiteln der 12 Abschnitte auch thematische Begrenzungen vornehmen und sich zudem in weiteren Kapiteln mit den Stadtteilen Zeppelinheim und Gravenbruch beschäftigen muss. Durch ihre detaillierten Kapitelunterteilungen wird ein sehr leichter Zugriff auf die Einzelthemen ermöglicht, während im Mühlheim-Band wegen des nur sehr pauschalen Inhaltsverzeichnisses bisweilen ein langwieriges Blättern nötig wird, um Informationen zu Einzelfragen zu erhalten. Leider haben beide Bände auf Register verzichtet. Beide Bände sollen im Folgenden vergleichend vorgestellt werden.

Der Mühlheim-Band setzt mit der Vor- und Frühgeschichte ein (Hartmut Gries und Richard Plackinger), beschäftigt sich dann mit den Römern (Gesine Weber), um dann in einem größeren Kapitel den ersten urkundlichen Erwähnungen nachzugehen (Hermann Schefers, Hans Jürgen Mloschin, Hans Winter, Horst Baier und Alfred Pönisch/Peter Hildebrand); hier wird vor allem die hochmittelalterliche Entwicklung Mühlheims samt der Stadtteile Lämmerspiel und Dittesheim und der Wüstung Meielsheim thematisiert. Ergänzt wird dieses Kapitel durch einen Beitrag Ronald Vetters über „Leben im Mittelalter“, der allerdings weniger auf Mühlheim eingeht. Hinzu kommen Beiträge zu den Mühlen an Rodau und Bieber, den Fronhof des Klosters Seligenstadt (Abtshof), die Bauern und Weingärten bis ins 17. Jahrhundert (alle von Hartmut Gries) und die Fischerzunft (Heinrich Thieslauk). Die weiteren Kapitel sind weitgehend dem 19. und 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart gewidmet. Hier geht es um die Aussagen den alten Ortspläne von Mühlheim und seinen Stadtteilen, um das kirchliche Leben, die Schulen, die Gründerzeit, die Stadt im Ersten Weltkrieg sowie im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, um die besondere Entwicklung der Stadtteile, die Bedeutung der Städtepartnerschaften, die wirtschaftliche Entwicklung, die medizinische Versorgung und schließlich um die Ordnungs- und Rettungsdienste. Es ist insgesamt ein reich illustrierter, bunter Strauß von Themen, die teilweise auf älteren Beiträgen verstorbener Autoren beruhen. Die ältere Geschichte der Stadt in Mittelalter und Früher Neuzeit ist leider nur sehr stielmütterlich behandelt und nimmt auch mit seinen nur wenig mehr als 100 Seiten gerade einmal ein Viertel der Gesamtdarstellung ein. Letztlich bleibt eine durchaus ansehnliche, jedoch etwas den roten Faden der Gesamtgeschichte vermissende Sammlung von Einzelbeiträgen.

Ganz anders ist demgegenüber das Neu-Isenburg-Buch Heidi Fogels konzipiert, das die Gesamtgeschichte der Stadt seit ihrer Gründung als Hugenottensiedlung durch Graf Johann Philipp von Ysenburg-Büdingen 1699 in den Blick nehmen will. Die „Vorzeit“ wird demgegenüber nur exkursweise einbezogen. Die Autorin folgt ganz der historischen Entwicklung. Nach der Einleitung geht sie auf die Gründungsgeschichte des Flüchtlingsdorfes ein, um dann in weiteren Abschnitten den Übergang an das Großherzogtum Hessen zu thematisieren. Es folgen Abschnitte über das Leben und Arbeiten im Zeitalter der Industrialisierung, die Rolle Bertha Pappenheims und ihres Heims „Isenburg“ des Jüdischen Frauenbundes, über die Zeit des Ersten Weltkriegs, die Weimarer Zeit, die Zeit des Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit, die Zeit des Wiederaufbaus der 1950er und 1960er Jahre sowie über die 70er, 80er und 90er Jahre bis hin zum Aufbruch ins neue Jahrtausend. Zwischengeschoben wurde ein Abschnitt über die Neu-Isenburger Stadtteile Zeppelinheim und Gravenbruch. Anders als das Mühlheim-Buch lässt sich das sehr kompetent und in einem gut lesbaren Stil geschriebene Neu-Isenburg-Buch fortlaufend studieren. Es verliert sich nicht in Einzelheiten und hat auch den historischen Kontext stets im Blick. Es dürfte zu einer der besten stadtgeschichtlichen Darstellungen unserer Region zählen, die in den letzten Jahren geschrieben worden sind. Lediglich der vergleichsweise hohe Kaufpreis wird viele Bürgerinnen und Bürger Neu-Isenburgs davon abhalten, dieses Buch zu erwerben. Wer sich für diese Stadt interessiert, wird an diesem Buch nicht vorbeigehen können.

J. Friedrich Battenberg