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Gerichtsbuch

2me Protocolle de La Justice de La Communauté D’Isembourg
Commencé le 13e du Mois d’Aout de l'Année 1727
Contenant 273 feuillets
Par Pierre Arnoul Greffier [d]e La Justice et Communauté.

Historische Einbettung
Neu-Isenburg wurde 1699 von Hugenotten gegründet, die nach der Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes 1685 zunächst in die evangelischen Kantone der Schweiz, bald danach aber auch in die relativ rückständigen Territorien des Reiches emigriert waren – aus religiösen und wirtschaftlichen Motiven. In der reichsunmittelbaren Grafschaft Ysenburg und Büdingen-Offenbach nahm der ebenfalls reformierte Graf Johann Philipp gern die technisch innovativen weltläufigen Franzosen auf und sicherte ihnen im Gründungsprivileg des Dorfes weitgehende wirtschaftliche und bürgerliche Freiheitsrechte zu. Dank des Modernisierungspotenzials der Bewohner und der zugestandenen Freiheiten entwickelte sich das geplante Bauerndorf am südlichen Rand Frankfurts trotz Fluktuation und Armut schnell zu einem regionalen Zentrum der mechanischen Strumpfwirkerei. Es wurde damit auch Anziehungspunkt deutscher Zuzügler und Händler – Lutheraner, Katholiken und Juden. Seine Wirtschaft atmete im Rhythmus der beiden jährlichen Frankfurter Messen.

Neben dem französisch-reformierten Konsistorium, das auf lokaler Ebene die religiöse Selbstverwaltung der Kirchengemeinde nach französischem Eigenrecht wahrnahm, sorgte das vom Grafen eingesetzte neue Schöffengericht des Dorfes für Recht und Ordnung in zivilen Sachen und der so genannten „guten Policey“. Rechtsgrundlage seiner Praxis waren die neuen Freiheiten des Privilegs, darüber hinaus das allgemein in der Grafschaft geltende Solmser Landrecht als gesatztes Recht des Landesherrn.

Der zweite Protokollband des Neu-Isenburger Schöffengerichts
Der einzig erhaltene zweite Protokollband des Neu-Isenburger Schöffengerichts von 1727 bis 1733 ist eine der herausragenden Quellen des deutschen Refuge. Die gerichtliche Amtstätigkeit dieses Gremiums, bestehend aus Bürgermeister und vier Schöffen in jährlichem Wechsel, wurde gemäß Gerichtsordnung des Solmser Landrechts in buchförmigen Unikaten niedergelegt, von denen nur dieser eine Band mit den Verfahrensprotokollen von August 1727 bis Juni 1733 erhalten ist. Er enthält Klagen, Vernehmungsprotokolle sowie Urteile, Berufungsvermerke und Kostenentscheidungen, allesamt handschriftlich in französischer Sprache niedergelegt vom Gerichtschreiber (Greffier juré) Pierre Arnoul. Ein einziges Protokoll ist in deutscher Sprache verfasst und zeigt, dass der Gerichtschreiber auch des Deutschen mächtig war. Deutschsprachige Textelemente stehen in altdeutscher Kanzleischrift.

Auf 273 meist doppelseitig beschriebenen Blättern enthält das Unikat in über 300 verhandelten Fällen ein breites Spektrum von erstinstanzlichen Verfahren, sowohl des klassischen Zivilrechts (Beleidigungsklagen, Handelsverbindlichkeiten) als auch aus Rechtsgebieten, die heutzutage eigene Rechtsgebiete bilden (Arbeits- und Mietrecht). Gemäß Gründungsprivileg erhielt das Ortsgericht auch die Zuständigkeit der „guten Policey“, also der öffentlichen Ordnung, und durfte kleine Strafsachen mit unblutigen Wunden richten.

Das Gerichtsbuch als detailfreudige Quelle des Rechtsvollzuges ist ein Dokument historischer Praxis und präsentiert seine Protagonisten auf weiten Strecken in indirekter Rede.

In diesem Bereich der Verhandlungsprotokolle handelt es sich um eine damals übliche Serienakte der Gerichtsbarkeit, in der sachidentische Protokolle zu verschiedenen Personen chronologisch aufgezeichnet wurden, hier im wesentlichen Verfahrensprotokolle Streitiger Gerichtsbarkeit. Zur Freiwilligen Gerichtsbarkeit sind nur einige wenige Fälle enthalten.

Vom Ende her sind auch Amtstätigkeiten der Gemeindeverwaltung protokolliert; die Texte dokumentieren die Ämterverteilung der gemeindlichen Selbstverwaltung zwischen 1728 und 1733 (Flurschütz, Schweinehirt, Gerichtsbüttel etc.).

Das Buch gibt nicht nur weite Einblicke in die Alltagskultur und die wirtschaftlichen Aktivitäten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Es ist ein erstrangiges Zeugnis rechtsschöpferischen Praxisvollzugs in einem spätabsolutistischen reformierten Territorium – einschließlich der Konflikte, die die Koexistenz unterschiedlichen Rechts in einer kleinen Gemeinschaft mit sich brachte.

Das Neu-Isenburger Gerichtsbuch und das – fast gleichzeitig aufgezeichnete – erste Konsistorienbuch der französisch-reformierten Kirchengemeinde erwecken gemeinsam in ihrer Detailfreude, Dynamik und Komplexität die Gründerzeit einer südhessischen Hugenottensiedlung des frühen 18. Jahrhunderts, eingebettet in die Region.

Das Unikat ist bedeutsam nicht nur als französischsprachiges Protokoll eines nach deutschem Recht urteilenden Gremiums, sondern auch als Relikt eines dörflichen Schöffengerichts, das zu einer Zeit vom Landesherrn neu eingerichtet wurde, als im Reich die alten genossenschaftlichen Schöffengerichte auf weiten Strecken bereits an Bedeutung verloren hatten.

Das Neu-Isenburger Gerichtsbuch ist neben dem Gründungsprivileg der Gemeinde das bedeutendste Zeugnis aus der Gründerzeit ihrer Zivilverwaltung.

Die Transkription wendet sich an Hugenottenforscher und Historiker, Kirchengeschichtler und Familienforscher. Aber auch Juristen, Romanisten, Wirtschaftshistoriker und Modernisierungsforscher finden faszinierende Dokumente zur komplizierten Rechtswirklichkeit im frühen 18. Jahrhundert, zu Wirtschaft und Alltagsleben in einer spätabsolutistischen Gemeinde Südhessens. Die Quelle belegt den enormen Impetus der handwerklich und gewerblich orientierten Hugenotten und Waldenser für die wirtschaftliche Entwicklung der Region, aber auch die geografische und soziale Mobilität der Deutschen.

Das Transkript des Neu-Isenburger Gerichtsbuches in einer kombinierten Edition
Durch einen ungeklärten Zufall hat der zweite Protokollband des Neu-Isenburger Schöffengerichts in den Archivbeständen der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Am Marktplatz Neu-Isenburg überdauert. Die Stadt Neu-Isenburg hat es vor kurzem restaurieren lassen. Dennoch ist der Zugang zum Unikat, schon aus organisatorischen Gründen, begrenzt.

Ohne das kostbare Unikat zu gefährden, verschafft die Transkription des Originaldokuments im Internet allen Interessenten unbeschränkten Zugang zu dieser wichtigen historischen Quelle und wendet sich vor allem an alle Wissenschaftler, die zitierfähig arbeiten wollen und müssen. Die Präsentation des Transkripts ermöglicht die Überprüfung der Übersetzung und erspart Nutzern aller Fachgebiete die nicht immer notwendige Auseinandersetzung mit der Handschrift.

Als vollständiges Transkript der französischsprachigen Quelle ist diese Internetpräsentation integraler Bestandteil des Neu-Isenburger Gerichtsbuches als buchförmiger Übersetzung:

Gerichtsbuch der Gemeinde Isenburg.
Protokolle aus den Jahren 1727-1733

Herausgegeben und übersetzt von Gudrun Petasch im Auftrag des GHK Neu-Isenburg,
Neu-Isenburg edition momos 2005
ISBN Nr. 3-930578-12-3

Das Gerichtsbuch erscheint als Band 2 einer kleinen Reihe zur Neu-Isenburger Alltags- und Rechtsgeschichte. Band 1 dieser Reihe, das erste noch erhaltene Protokollbuch des französisch-reformierten Konsistoriums, erschien 2002 bereits in zweiter Auflage:

Le Livre du Consistoire 1706-1737 (1722-1731)
Konsistorienbuch der französisch-reformierten Kirche Neu-Isenburg,
übersetzt und herausgegeben von Gudrun Petasch;
zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage;
im Auftrag der Stadt Neu-Isenburg;
Neu-Isenburg edition momos 2002
ISBN-Nr. 3-930578-10-7

Beide Bücher sind erhältlich über jede Buchhandlung oder direkt beim Verlag:
edition momos Verlagsgesellschaft mbH
mt-druck Walter Thiele GmbH & Co.
Carl-Friedrich-Gauß-Straße 6
63263 Neu-Isenburg